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Warum ich noch bei Facebook bin: Facebook Groups

Dienstag, 17. April 2012

Ich weiß nicht, wie es euch geht: Aber meine Leidenschaft für Facebook war schon immer etwas unintensiver als die zu Twitter und ich habe immer wieder zumindest ansatzweise überlegt, meinen Account ob der doch überbordenden Belanglosigkeiten dort zu löschen. Abgehalten haben mich davon zum einen berufliche Dinge (ich bin Admin einiger Pages und sollte als Berater zudem natürlich wissen, wie das größte Social Network funktioniert) und das mittlerweile oft obligatorische Facebook Connect.

Zum anderen aber und das in deutlich stärkerem Maße die neue Gruppenfunktionalität, die Facebook im Oktober 2010 eingeführt hat. Die Gruppenfunktionalität war vor dieser sehr umfassenden Umstellung sehr eingeschränkt. Man trat einer Gruppe mehr als Sympathiebekundung bei als dass man an einem echten Dialog interessiert gewesen wäre – eine Funktion, die heute eher die Pages übernehmen. So wuchsen die Gruppen zwar kontinuierlich an, eine Diskussion kam darin aber so gut wie gar nicht zustande.

Die 2010 eingeführten Gruppen wurden zunächst zwar ob ihrer doch spammigen Benachrichtigungseinstellungen vehement kritisiert, aber letztlich sind diese passiv-aggressiven Notification Default Settings ein Schlüssel zum Erfolg der neuen Gruppen.

Die Vorteile – das hat sich in den letzten eineinhalb Jahren herauskristallisiert – sind die folgenden Features:

  • Mitglieder”einladung”: Das Killerfeature. Man muss nicht mehr mit Einladungen betteln, damit Freunde Mitglieder werden, man macht sie einfach zu Gruppenmitgliedern. Das macht Gruppen unheimlich schnell voll mit qualifizierten Mitgliedern, ohne dass diese sich im ersten Schritt dagegen wehren können. Sie müssen erst aktiv wieder austreten. Das tun viele dann aber nicht, weil sie sehen, dass auch andere interessante Menschen Mitglied sind. Das Henne-Ei-Prinzip wird geschickt ausgehebelt.
  • Die schon erwähnten Benachrichtigungseinstellungen: Man bekommt erst einmal aktiv alle Aktivitäten per Mail und interner Benachrichtigung mit, sofern man das nicht grundsätzlich ausgestellt hat. Das begegnet effizient dem größten Problem von Communities und Foren, nämlich dem “bei-der-Stange-halten”. Mitglieder werden immer wieder aktiv motiviert, sich in Gruppendiskussionen einzumischen. Die Beteiligungsrate ist aus meiner Erfahrung wesentlich höher als in externen Foren wie bei mixxt. Das liegt natürlich auch daran, dass man “eh” bei facebook ist und mehrere Gruppen en passent verfolgen kann und nicht einzelne Foren separat mittels Feeds o.ä. beobachten muss.
  • “Virale” Effekte: Gruppenbeitritte anderer, seien sie freiwillig oder “erzwungen”, sind in der Timeline der Freunde sichtbar und motivieren diese ebenfalls beizutreten. Das betrifft zumindest alle Gruppen, die nicht “geheim” sind. Diese Vorgehensweise ist natürlich auch problematisch, weil ich beispielsweise aus meinen Kontext weiß, dass einige nicht möchten, dass die Timeline seiht, dass sie beispielsweise eine Gruppe einer bestimmten politischen Einfärbung angehören und damit öffentlich politisch geoutet werden.
    Ebenfalls hilfreich und beschleunigend ist der Einladungseffekt durch andere Mitglieder – wenn der Admin sie denn lässt. Das führt dazu, dass die Gruppe mithilfe von Freunden von Freunden rasch erweitert werden kann und die kritische Masse schnell erreicht ist.
  • Die Features: Die Gruppen verfügen zudem über ein hilfreiches Featureset wie gruppeninterne Chats (bis zu einer Größe von 250 Mitgliedern, also eher etwas für kleine Arbeitsgruppen), der Möglichkeit Files hochzuladen oder interne Abstimmungen durchzuführen.

Das alles macht Gruppen mittlerweile zu einen sehr hilfreichen und erfolgreichen Instrument für die Organisation von Diskussionen. Besonders gut funktioniert es natürlich dort, wo es auch Gesprächsbedarf gibt, z.B.

  • zu politischen Themen
  • als internes Diskussionsmedium von Parteien, Unternehmen und Vereinen
  • zur Vorbereitung von Events (also als zeitlich befristete Gruppe)
  • zur Entwicklung unterschiedlichster Dinge (Barcamps, Thesenpapiere, Produkten, Unternehmensideen)

Dabei ist immer gut zu überlegen, wie öffentlich man die Gruppe macht. Gerade nicht-öffentliche oder sogar geheime Gruppen können einen geschützten Raum bieten, um unabhängig von Ort und Zeit asynchron Themen voranzubringen. Die inoffizielle Gruppe der GAL Hamburg z.B. , die ich ohne Absprache letztes Jahr gegründet habe, ist mittlerweile das Diskussionsmedium, das die meisten Mitglieder erreicht. Eben weil so viele schon bei Facebook sind und gleich eingebunden werden können. Die Postingrate ist dort bei rund 250 Mitgliedern sehr hoch, Threads gehen bis zu 60 Kommentare tief.

Im Businessumfeld spielen die Gruppen noch keine so große Rolle und wenn, müsste man da auch sehr vorsichtig vorgehen, da man die Spammigkeit der Gruppen Unternehmen sicherlich weniger nachsieht. Dennoch sind da Potentiale vorhanden wie z.B. die crowdbasierte Entwicklung von Produkten oder der Community Plattform für heavy user eines Produktes.

Man muss natürlich dabei auch beachten, dass der Erfolg dieser Gruppen besonders im Fall politischer Gruppen den Digital Divide noch verstärkt. Wer nicht bei facebook ist, bekommt mittlerweile wichtige Diskussionsverläufe nicht mehr mit. Und facebook macht sich noch unverzichtbarer. Und ich kann meine Account nicht löschen…